MOPO, 06.12.2001, Titelseite, Seite 9, Stephanie Lamprecht

Vor zwei Jahren verschwand die Hamburgerin Claudia von Weiss de Venegas während eines Kuba-Urlaubs.
Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die MOPO sprach mit ihrem Mann Miguel über sein Leben und seine Gefühle

Ihr Lächeln. Die blauen Augen, die blonden Haare. Miguel Venegas (36) sieht das Foto seiner Frau an. Was passierte mit ihr an jenem 20. November 1999, als die Hamburgerin spurlos auf Kuba verschwand? Das gleiche Bild hängt auch in einem Büro der Mordkommission in Alsterdorf. Zwei Ermittler suchen nach der Antwort.

Die Barmbeker Wohnung sieht aus, als hätte Claudia von Weiss de Venegas sie nur kurz verlassen. Neben dem Klavier stapeln sich ihre Noten, im Badezimmer liegt ihre Zahn-bürste und an der Wäscheleine über dem Kühlschrank baumeln Fotos von der attraktiven jungen Frau.

"Wahrscheinlich lebt sie nicht mehr", sagt der gebürtige Bolivianer scheinbar nüchtern. Im nächsten Moment flackert Hoffnung auf: "Wenn sie wiederkommt, soll ihr nichts fremd sein."

Miguel war Tauchen an jenem Sonnabend. Seine Frau wollte nach einem Streit am Morgen nicht mit, lieh sich ein Rad - und verschwand.

Nach zwei Jahren ist das Leben ohne Claudia zum Alltag geworden. Ihr Posten bei einer Hamburger Privatbank ist längst neu besetzt, Gespräche unter Freunden drehen sich wieder um andere Dinge. Trotzdem: "Die Hoffnung stirbt zuletzt."

Wenn die Ermittler Olaf Borchert und Sven Baack von der Hamburger Mordkommission an ihren Schreibtischen sitzen, sehen sie Claudias Lächeln auf dem Foto an der Tür. Ist sie tot? Gewissheit gibt es keine, aber Hinweise.

Zwei Mal waren die Kripo-Beamten auf der Zuckerinsel, haben gemeinsam mit ihren kubanischen Kollegen den 20. November minuziös rekonstruiert. "Wir waren die ersten Polizisten aus dem Westen, die auf Kuba ermitteln durften", sagt Sven Baack.

Die ungewöhnliche Zusammenarbeit war fruchtbar. Mittlerweile ist klar, dass Claudias Radtour in die Ödnis rund um die Hotelanlage nur etwa zwanzig Minuten dauerte, dass sie auf der Straße mit einem Einheimischen sprach und kurz nach ihrer Rückkehr das Hotel erneut verließ.

Die gebürtige Dresdnerin (Baack: "Eine ganz bodenständige junge Frau") war an diesem Tag frus-triert: Statt ihre Trauminsel zu erkunden, saß sie (damals 34) in einem einsamen Hotel in der Pampa fest. Dazu der morgendliche Streit, weil ihr Mann für ihren Geschmack zu viel flirtete. Aber: "Miguel scheidet als Tatverdächtiger aus", betont Baack.

Hat Claudia sich aus Trotz und gegen ihre natürliche Zurückhaltung mit dem Kubaner verabredet? Der Mann wurde im April unter Mordverdacht verhaftet. Erst als Claudias Mutter jetzt vor Ort nachforschte, kam heraus, dass Claudias mutmaßlicher Mörder schon nach sechs Wochen wieder frei war. Frust bei den Hamburger Ermittlern: "Wir würden gerne noch einmal vor Ort ermitteln", sagt Baack und sein Blick geht zu dem Foto: "Wir stehen bei der Familie im Wort: Wir holen Claudia zurück."

Stephanie Lamprecht

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